Wild zusammengewürfelte Blumensorten wuchern nicht nur in dem dafür vorgesehenen Kübel, sondern auch in der Kaffeetasse. Auf taubenblauem Grund prangt ein grüner Stempelvollmond und büßt an den Rändern Farbe ein. Fehldruck. Vintage. Berlinzauber. Ausgerechnet der Mangel gibt die Komposition vor und erweckt einen blühenden Eindruck, der Leben hervorkitzelt hinter Fassaden.
So ergeht es auch Marieke, der Protagonistin in Ilke S. Pricks Roman Vergissmeinnicht war gestern. Sie ist die Jüngere von zwei Geschwistern, die sich schuldig fühlt am Unfalltod ihrer Mutter; die nie heranreicht an ihre perfekte Schwester, nicht in ihrer Sehnsucht, die sie mit einem ganz bestimmten Blau auf die Leinwand zu bannen sucht, nicht mit ihrem Zahnarztgatten, der ihr chaotisches Leben verdaut und geordnet hat und der sie jetzt – nach all den Jahren – doch betrügt.
Im mittleren Alter noch einmal neu anfangen, kann das gutgehen?
Marieke zieht in die leerstehende Wohnung ihrer Freundin. Sie fühlt sich allein und überfordert von ihrer Geschichte und all ihren Verlusten. Es ist Silvester. Niemanden will sie an sich heranlassen und deshalb auch nicht bleiben. Die Wohnung ist ihre Übergangslösung auf Zeit – und dann kommt es wie es kommen muss. Sie stolpert in neue Bezüge, die das Leben mit sich bringen und altbekannte Namen tragen wie Freundschaft, Haustier und Liebe. Da sind die Nachbarn, die sich als lebendige Hausgemeinschaft und später Wahlfamilie entpuppen, das lesbische Liebespaar Susann und Nada, die alte, warmherzige Frau Schröder und nicht zuletzt ein Hund, den Marieke – in Gedanken versunken – anfährt. Auch das Tier will sie nur vorübergehend bei sich aufnehmen und verweigert ihm daher die Namensgebung. Hund muss als Ansprache genügen. Zu diesem Zeitpunkt ahnt sie nicht, dass er bleiben, einen festen Platz in ihrem Herzen erobern und seinem späteren Namen mehr als gerecht werden wird. In der Dachgeschosswohnung über ihr lebt ein Ben, dem sie sich nach und nach öffnet.
Kann die neu aufkeimende Liebe den Rückeroberungsversuchen ihres Mannes standhalten? Kann sich Marieke damit arrangieren, dass Ben Vater wird und Nada, die ihr geholfen hat, im Haus Fuß zu fassen und ihren Balkon zu begrünen, eine der Mütter ist, weil sie sich mit ihrer Partnerin ein Kind gewünscht hat?
Marieke wagt den Versuch neue Familienmodelle auszuloten und gewinnt darüber nicht nur inspirierende Freundschaften, eine gleichwertige Partnerschaft auf Augenhöhe und ein neues Verständnis ihrer Ursprungsfamilie, sondern auch einen liebevollen Blick auf sich selbst, den sie vorher nicht zulassen konnte.

Ilke S. Prick erzählt diese tiefe Liebesgeschichte mit großer Leichtigkeit und Humor und macht ganz nebenbei Lust auf laue Sommernächte in blühenden Großstadthinterhöfen. Wer noch nicht weiß, was es mit urban oder guerilla gardening auf sich und Lust auf eine unterhaltsame und fein erzählte Geschichte hat, bekommt meine Leseempfehlung: Vergissmeinnicht war später.
Ilke S Prick: Vergissmeinnicht war gestern. Berlin, 2016.
http://www.suhrkamp.de/buecher/vergissmeinnicht_war_gestern-ilke_s_prick_36188.html
Der erste Satz führt den Leser mitten hinein in Jules Welt. „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“ Darum geht es eben auch, den Tod als mitten unter uns zu begreifen und ihn gerade deshalb nicht zu fürchten, weil er sonst gewonnen hätte. Dabei bedingt doch gerade er erst das Lebendige, in der Abgrenzung zu Wells Todesbild, zum schneebedeckten Feld, in das die Erinnerungen fallen, um sich dort hineinzusenken, einzugehen in die Unendlichkeit und sich aufzulösen.
Auf der einen Ebene verhandelt der Roman also die Frage wie die Bewusstwerdung des Todes Jules verändert, ihn erst ängstlich und zurückhaltend werden lässt, wie er sich dem Tod aber gerade dadurch nicht entschwinden kann, ihm immer wieder begegnet, bis er mit eben jener Bedingtheit leben lernt und zwar frei, die Trauer zulassend und den Schmerz, die Wut und das Glück.