Unsere Schreibhainkollegin Julia Christ bloggt live aus Idomeni – Teil II

  1. – 27. April 2016
EKO 25IV rainy day sepia
Fotografin Julia Christ

Polikastro

Die Tage drehen sich wie im Schleudergang. Jeder ist anders. Jede Begegnung birgt eine ungeahnte Wendung mit sich. Im Guten wie im Schlechten. April, April, der macht, was er will, denke ich. Und bin doch immer wieder aufs Neue überrascht.

Gleichzeitig traue ich mich kaum, die Geschehnisse hier in Worte zu fassen. Ich bin überwältigt. Mein Weltbild ist durcheinander gewirbelt. Mein Geschmack von Europa verändert. Bevor ich herkam, hatte ich noch so etwas wie einen Reststolz. Hab mir irgendwas auf Europa eingebildet. Dem Kontinent, dem Verfechter der Menschenrechte, der Demokratie und der Freiheit. Davon ist in diesen Tagen in Idomeni wenig übrig geblieben.

„Wir sterben hier langsam“, sagen viele der Geflüchteten. Seit Ende Februar die griechisch-mazedonische Grenze geschlossen ist, harren bis zum heutigen Tag immer noch knapp 50.000 Flüchtlinge in Griechenland aus. Und kommen nicht weiter. Sie leben in Idomeni, in dem 120-Seelen-Dorf auf Feldern, auf Äckern, an Beingleisen oder in einem ausrangierten Zug. Oder auf Tankstellen direkt an der Autobahn. Dort haben  sie ihre Zelte auf dem bloßen Boden aufgeschlagen. Der Wetter ist unberechenbar. Mittags ist es oft heiß, nachts kalt. Manchmal regnet es. Oder es hagelt. Oder der landestypische Windsturm kommt über die Bergen und zerstört die Zelte.

Als wieder einmal der Windsturm ungnädig Hunderte der dünnen Behausungen plattmacht, schreibt eine der Helferin vom Shelter Team eine SOS-Nachricht: Wir brauchen dringend Unterstützung. Ich melde mich und in dieser Nacht lerne ich viel: Wie ich mit kaum Fahrpraxis ein Auto mit vier Insassen im Stockdunkeln über kurvige Feldwege und Schlaglöcher bugsiere. Wie ich die Heringe der Zelte im richtigen Winkel mit simplem Steinen in den Boden hämmern kann. Und wie leicht es ist sich in ein Team einzufügen und trotzdem das Gefühl zu haben, selten irgendwo wirklich dazuzugehören. Das war schon vorher so. In meinem alten Leben in Berlin. Und jetzt auch hier in Norden Griechenlands, wo ich versuche, mein bisheriges Leben versuche auf „reset“ zu stellen.

Irgendwann in diesen Tagen im April lerne ich eine Rentnerin aus San Francisco kennen. Sie  fühlt sich ein bisschen verloren unter all den unzähligen Gruppen, NGOs und Einzelkämpfern. Wie ich ist auch sie ein „independent volunteer“. Das heißt sie ist nicht fest in eine Organisation oder Gruppe eingebunden. „I am here like a little fish in big fishtank“, sagt sie. Dann bittet sie mich, ihre Freundin zu werden. „I need a friend here.  Would you please be my friend?“

Das hat mir so unvermittelt noch niemand angeboten. Aber ein Hotelzimmer mit mir für eine Nacht zu teilen, das will sie nicht.  Ich bin befremdet. Dachte ich doch bisher, dass Freundschaft langsam wächst. Ebenso wie Liebe. Und dass sie nicht wie ein deus ex machina aus dem Hut springt. Und überhaupt: Was wäre so schlimm daran gewesen, sich über ein kurzes Zusammenleben besser kennenzulernen? Doch nicht so „laid back“, Mrs. California? Ich ärgere mich über sie. Dabei spiegelt sie nur meine eigene Einsamkeit wider, gepaart mit dem Wunsch, frei und unabhängig zu sein. Den klassischen Kampf zwischen Nähe und Distanz.

 

 

  1. April Polikastro

Vor zwei Tagen war ich so frustriert von diesem und jenem hier, dass ich am liebsten meine sieben Sachen gepackt hätte und zurück in mein altes, überaus luxuriöses Leben zurückgekehrt wäre. Ich hätte dann einen auf Touri gemacht, wäre vielleicht nach London, Paris oder Antwerpen gefahren, wäre ins Museum, in ein Konzert oder ins Theater gegangen, hätte eine Yogastunde in einem chicen Studio gemacht, hätte geshoppt. Das wäre toll gewesen. Und doch so leer. Ich bin so froh, diesem Impuls nicht gefolgt zu sein. Stattdessen bin hier geblieben. Es ist gut so, wie es ist…

In den vergangenen Tagen hatten eine Schweizerin und ich individuell Kleidung an einzelne Familien verteilt. In einem kleinen Flüchtlingslager nahe Idomeni auf der Tankstelle EKO Gas Station. Wir kamen mit vielen Menschen aus Syrien ins Gespräch, verständigten uns mal mit Händen und Füssen. Mal mit Google Translate. Mal mit dem englischen Grundwortschatz. Alles lief gut. Bis Sarah abreiste. Ich machte den Job dann allein weiter. Und einen Riesenfehler.

Ich hatte gerade Schuhe und Kleidung einer Großfamilie gebracht, als eine andere Frau auf mich zustürmte. „My friend, my friend“, rief sie mir zu. Diese Anrede ist hier in den Flüchtlingslagern die Standart-Grußformel, mit der alle Volunteers von den Geflüchteten angesprochen werden. Auch von denen, die ansonsten nicht der englischen Sprache mächtig sind. Ich drehe mich zu meiner neuen Freundin um. Sie bittet mich um Sandalen, denn an diesem Tag ist es heiß. „Maybe, I have shoes for you, maybe“, entgegne ich und gehe zum Leihwagen.

Die fremde Freundin folgt mir auf den Fersen. Sarah hatte zuvor aus Spendengelder diverse Flipflops in einem chinesischen Billigladen in Polikastro erstanden. Die Tüte liegt noch im Auto. Ich öffne die Tür, hole die Tüte mit den Schuhen heraus. Noch komme ich mir vor wie der Weihnachtsmann persönlich. Sekunden später nicht  mehr. Die Meute stürzt auf mich zu. Tausend Hände greifen in die Tüte mit vielleicht einem Dutzend Schuhen. Sie schreien und zerreißen die Plastiktasche.

Ich fühle mich wie ein Hundeknochen, der ausgeweidet wird. Ich zittere. Nur am Rande bekomme ich mit, wie zwei Frauen über 50 versuchen, die schreiende Meute zur Ordnung zu rufen. Ich höre einen Jungen auf Englisch sprechen: Sorrry, sorrry. Zu spät. Meine Synapsen springen bereits im Dreieck. Ich presse die kaputte Tüte mit den restlichen Flipflops an meine Brust und will nur noch eins: Wegrennen. Um mein Leben laufen.

Stattdessen gehe ich. Ich entferne mich. Langsam. Viel zu langsam, flüstert mir der Fluchtinstinkt zu. Ich höre mich sprechen: Nein. Nein. So nicht. Eine der beiden Frauen, die die Meute versucht hat zu beruhigen, berührt mich am Arm. Come, coffee, come, sagt sie. Und weist in Richtung eines der Zelte. Ich schüttele den Kopf. No. Sie wiederholt ihr Angebot. Und dann folge ich ihr doch.

Die nächste dreiviertel Stunde läuft wie in Zeitlupe ab. Ich sitze in einem fremden Zelt. Kämpfe immer wieder mit den Tränen. Bekomme von meiner Retterin Taschentücher, Kaffee und Kekse gereicht. Sie heisst Fatma, ist 56 Jahre alt und kommt aus Aleppo. Immer wieder kämpfe ich mit den Tränen. Ein Junge von zirka acht Jahren kommt in ihr Zelt, sieht mich mit großen Augen an. War er mit in der Meute? War er es, der „sorrry“ gerufen hat? Ich weiß es nicht. Dann kommen immer wieder andere Leute. Hauptsächlich Mädchen und Frauen verschiedenen Altes. Die eine ist in meinem Alter, trägt ein Basecap über ihrem schwarzen Pferdeschwanz. Sie alle sehen mich mitfühlend an. Erzählen sich etwas in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Ich fühle mich fremd, aber in Sicherheit. Irgendwie zuhause. Für einen Augenblick und vielleicht auch noch den nächsten.

Julia Christ

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