Als unsere Kollegin Julia Christ mich kontaktierte, um mir mitzuteilen, dass sie in nächster Zeit im Schreibhain ausfallen würde, weil sie plane nach Idomeni zu reisen, um vor Ort zu helfen, ergriffen mich zwei parallele Gefühle: Ich bedauerte meine so liebgewonnenene Dozentin entbehren zu müssen, aber gleichzeitig durchströmte mich große Ruhe und Zufriedenheit. Ich hatte genau die richtigen KollegInnen und AutorInnen um mich; solche die Mut bewiesen und Rückgrat, solche, die hinauszogen, dorthin wo ihre Stimme wesentlich ist, und die uns, den Daheimgebliebenen, Bericht erstatteten. Denn Julia Christ war sofort Feuer und Flamme, als ich sie fragte, ob sie ihre auf der Reise gesammelten Geschichten teilen wolle. Ich schätze mich daher sehr glücklich, Euch teilhaben lassen zu dürfen und bedanke mich bei meiner wundervollen Autorenkollegin dafür, dass es Menschen gibt wie sie, Menschen, die etwas wagen und uns berühren, nicht ausschließlich im und durch ihr Schreiben, aber auch dort.
Noch in Slowenien hat mich ein serbischer Kunsthändler vor dem Balkanzügen gewarnt. Pass auf, sagt er mir an meinem letzten Abend in Ljubljana. Warum, frage ich ihn. Because it’s the Balkan, antwortet er. Ich aber kenne die Balkanstaaten noch nicht und steige in Belgrad in den halbleeren Zug.
Sieben Uhr morgens, irgendwann kurz nach Sonnenaufgang. Der Zug zieht durch grünen Hügel. Wie aus dem Nichts schießen karge, helle Felsen an meinem Zugfenster vorbei. Wie in den Winnetou-Filmen. Dann wieder Dörfer. In Gevgelija vor der griechischen Grenze müssen wir alle raus. Weiterfahrt mit dem Shuttlebus.
An diesem Tag sehe das noch nicht. Nur eine Landstraße, die an Äckern und grünen Feldern vorbeiführt.
Zurück in Richtung Norden mit dem Überlandbus. Auf dem ersten Busbahnhof treffe ich auf eine Gruppe von fünfzehn Menschen, die mit abgenutzten Rucksäcken und unzähligen Plastiktaschen auf ihre Weiterfahrt warten. Ich stelle mich neben sie und ein schwer definierbares Unbehagen breitet sich in mir aus. Ich weiß nicht, warum. Es sind drei Männer, mehr als ein halbes Duzend Kinder zwischen zwei und fünfzehn Jahren sowie vier Frauen in Kopftüchern und langen, schlabberigen Röcken. Sie sehen ausgelaugt und erschöpft aus, während die frisch geföhnten, sonnenbebrillten Griechinnen in ihren engen Röcken und Pumps an den benachbarten Bussteigen geradezu vor Kraft zu strotzen scheinen. Ein etwa zweijähriges Mädchen aus der Flüchtlingsgruppe sieht mich neugierig an. Mir schießen mir die Tränen in die Augen, aber ich versuche die Kleine anzulächeln. Dann fange den Blick seines Vaters auf. Er lächelt auch. Einfach so.
15. April, IdomeniEinige freiwillige Helfer sind in den vergangenen Tagen wegen Nichtigkeiten verhaftet worden. Mal ist die Rede von 14, mal von mehr als 25 Volunteers. Zwei mussten allein deshalb die Nacht im Gefängnis verbringen, weil sie Walkie Talkies trugen. Im Herbst soll dann die Gerichtsverhandlung sein. Es reicht auch schon, ein Obstmesser, ein Pfefferspray oder eine leere Bierflasche mitzuführen.
Frauen im großen Flüchtlingslager in Idomeni, die uns überhaupt nicht kennen, aber uns immer wieder in ihre Zeltlager einladen: „Kommt zu uns. Bitte setzt euch doch.“ Egal, wo wir hinkommen. Der Boden ist staubig, die Gastfreundschaft immens. Sie bewirten uns mit Wasser, Cola und türkischen Kaffee. Es gibt Kekse, Reiscracker und ganze Tüten voller Erdnüsse. Und das von Menschen, die vier bis fünf Stunden Schlange stehen, um einen Teller Suppe oder Reis mit Bohnen zu bekommen.
Der erste Satz führt den Leser mitten hinein in Jules Welt. „Ich kenne den Tod schon lange, doch jetzt kennt der Tod auch mich.“ Darum geht es eben auch, den Tod als mitten unter uns zu begreifen und ihn gerade deshalb nicht zu fürchten, weil er sonst gewonnen hätte. Dabei bedingt doch gerade er erst das Lebendige, in der Abgrenzung zu Wells Todesbild, zum schneebedeckten Feld, in das die Erinnerungen fallen, um sich dort hineinzusenken, einzugehen in die Unendlichkeit und sich aufzulösen.
Auf der einen Ebene verhandelt der Roman also die Frage wie die Bewusstwerdung des Todes Jules verändert, ihn erst ängstlich und zurückhaltend werden lässt, wie er sich dem Tod aber gerade dadurch nicht entschwinden kann, ihm immer wieder begegnet, bis er mit eben jener Bedingtheit leben lernt und zwar frei, die Trauer zulassend und den Schmerz, die Wut und das Glück.
Jetzt wollte ich es endlich mit einer dieser Listen probieren. Weil Listen auf Blogs gut ankommen. Weil Listen Übersicht schaffen. Weil… Ich gebe auf. Ich liebe Listen, aber ich befürchte, ich bin nicht dafür geboren, sie zu schreiben. Da ist ein Wort und dieses Wort erzeugt neue Worte, wie jetzt. Weil Worte schnell sind, sich auftürmen und zum Kunstwerk werden, das zugunsten eines anderen wieder weichen kann und Beiwerk mit sich bringt. Nochmal neu. Da ist also ein Wort, das andere Wortgruppen um sich schart und wer jetzt denkt, das ginge geordnet, dem sei mein Glückwunsch ausgesprochen. Bei mir geht es genauso nicht, heute jedenfalls nicht. Was morgen ist, steht in den Sternen. Ich will nichts in Stein meißeln. Ich sagte ja schon: Ich liebe Listen. Bei mir zerfasern sie, weil sich da Anhänge bilden und Schlangen, weil vereinzelt eine Betonung gesetzt werden will, die nur im Zusammenhang mit anderen funktioniert. Weil jetzt Nacht ist und ich eine Schreibende bin, die die Ruhe liebt. Weil der Sturm folgen wird und ich das Unwetter nur in der Stille herankommen höre.